Wahrnehmen vor Bewertung

Entscheiden setzt eine Bewertung der Situation voraus. In unserer Zeit, die von Komplexität und kurzen Taktzyklen geprägt ist, fühlen wir uns immer mehr gefordert, schnelle Entscheidungen zu treffen. Als Folge dessen ist immer wieder zu beobachten, dass wir Situationen und Menschen unter diesem subjektiven Zeitdruck bewerten, ohne uns ein ausreichendes Bild der Situation gemacht zu haben.

Vor einer fundierten Bewertung steht jedoch Wahrnehmung bzw., systemisch gesprochen, Beobachtung. Den Zeitraum der Wahrnehmung gilt es nach unserer Ansicht zu erweitern - dies erfordert Achtsamkeit und Gespür, beides in seinen Grundfesten im Körper verankert.

Bewertung ist eine Voraussetzung für bewusste Entscheidungen und bestimmt damit grundlegend unser Handeln. Wir sind gewohnt schnell zu handeln bzw. handeln zu wollen - dafür braucht es schnelle Bewertung. Bewertung aber setzt Bekanntes bzw. den Abgleich mit Bekanntem voraus,* und so führen schnelle Entscheidungen dazu, dass wir bekannte Verhaltensmuster nutzen. Diese Schnelligkeit ist oft hilfreich, insbesondere wenn wir positive Erfahrungen nutzen können, und sie ist darüber hinaus überlebensnotwendig, wenn wir in Gefahr sind.

Das Nutzen bekannter Muster hat aber auch den Nachteil, dass es uns einschränkt und das Entstehen von etwas „Neuem“ behindern könnte. Dieses Neue kann entstehen, wenn wir uns Zeit zum Beobachten nehmen; wir werden offen dafür wahrzunehmen und zu spüren, „was werden will“ - im Beobachten eröffnet sich uns die Möglichkeit, Altes loszulassen und so Raum für Neues zu schaffen. Angelehnt an die chinesische Philosophie des Daoismus, sind wir davon überzeugt, dass Ungewissheit unser Leben bestimmt und Neues in dieser Welt entstehen will; dies nehmen wir in der Zeit der Beobachtung ohne vorschnelle subjektive Deutungen und Wertungen wahr und können dann in Übereinstimmung mit dem handeln, was wir wahrgenommen haben.

Dies begegnet uns im Daoismus als eine Facette des Konzeptes des „Wu Wei“. Wu Wei wird zumeist als „Handeln durch Nicht-Handeln“ übersetzt. Ein „Handeln durch Nichthandeln“ bedeutet jedoch hier in keinem Fall ein träges passives Untätig-Sein. Vielmehr wird ein Handeln zum rechten Zeitpunkt mit dem rechten Maß an Aufwand angestrebt. Alles Notwendige wird getan, aber eben ohne in blinden Aktionismus zu verfallen**. Und dieses Notwendige berücksichtigt dann eben nicht nur die eigene, oft eingeschränkte Perspektive, sondern erlaubt eine Öffnung für anstehende Entwicklung bei uns und den Umwelten.

Ähnliche Ideen haben auch die Systemiker, die dem Berater eine beobachtende Rolle zuschreiben. Oft ist dies begründet darin, dass so für den Berater Muster und Regeln im System erkennbar werden und Irritationen bewirkt werden können. Unserer Meinung nach eröffnet sich dadurch aber auch die Möglichkeit, dass der Berater zum Katalysator für das Neue - eben das „was werden will“ - wird und dies dem beobachteten System als neue Option anbieten kann.


*) Wie soll man Unbekanntes schnell bewerten?
**) Dies kann sich unter gewissen Umständen, in denen die notwendige Erfahrung und ein Gespür für die Situation vorliegt, in „spontanem Handeln“ äußern.